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Italienreise

(Lieber nicht) mit Goethe nach Italien

Wer, wie der Chronist, wenn auch äußerst selten, zur hohen Literatur
greift, kommt über kurz oder lang an dem großen Klassiker aus Weimar
nicht vorbei. Jetzt wird so mancher golfende Zeitgenosse fragen: nanu?,
war Goethe etwa auch einer von uns (Golfern)? Ich glaube eher: nicht.
Aber eine Gemeinsamkeit gibt es wohl doch, und das ist die Liebe zu
südlichen Gefilden, wenn auch aus sehr unterschiedlichen
Interessenslagen. Hier die Suche nach den Ursprüngen der wahren
Kunst und der wahren reinen Klassik, dort die Suche nach dem milden
Klima des Südens und den herrlichen Golfplätzen „Arkadiens“. Ob es
dem Golfer, so er ein solcher Suchender ist, hilft, sich dem Weimarer
Minister an die Fersen zu heften? Probieren wirs doch mal:

Italien03

Am 1. November 1786 erreichte der berühmte Reisende Rom: „Über das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam hinweggeflogen. Verona, Vicenz, Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flüchtig und Florenz kaum gesehen...“ Schade, schade, Herr Geheimrat, daß er sich hier nicht längere Zeiten des Verweilens vergönnte! Der Verfasser ist sich jedoch sicher, daß Johann Wolfgang, so er denn heute, 215 Jahre später, lebte, sich als vieler Spielarten der Kunst Beflissener auch der hohen Kunst des Golfens nicht hätte entziehen können. Und dieses einmal unterstellend, hätte er sehr wohl doch im Tiroler Gebirg, in Verona, Padua, Venedig und Florenz verweilt, um die wunderschönen Golfplätze dieser (bei Goethe) arkadischen Landschaften zu entdecken und zu beschreiben. Er würde heute sicherlich nicht „gleichsam übers Gebirg hinwegfliegen“, wo es doch sowohl in Nord-, als auch in Südtirol so herrliche Plätze, wie Seefeld, St. Petersberg, Karersee oder Dolomiti gibt. Und erst all die vielen anderen alpinen Schmuckstücke, die der Autor hier aus Platzgründen leider nicht alle aufführen kann. (Er kennt, zugegebenermaßen, auch gar nicht alle!)

„So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum ersten Mal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken...“ Ja, mein Gott, Herr Goethe, kein Wort über die herrlichen Golflandschaften im Veroneser und Paduenser Raum, obwohl er die Gegend ja „gut“ gesehen hat? Immerhin hat er in Padua so nachhaltig gewirkt, daß die Stadtväter (oder warens die Historiker, oder die Botaniker?) eine Palme, noch heute im „L´Orto Botanico“ zu besichtigen, nach ihm benannt haben. Nur, warum, das entzieht sich der Kenntnis des Autors! Was hat der dem Genuß edler Tropfen keineswegs Abgeneigte sich wohl an oder unter dieser Palme zu schaffen gemacht? Doch wohl nicht etwa dasselbe, wie am Rosenstock in Wernigerode?...

„Ich fuhr heute früh mit meinem Schutzgeiste aufs Lido, auf die Erdzunge, welche die Lagunen schließt und sie vom Meere absondert. Wir stiegen aus und gingen quer über die Zunge...“ Ja und, Herr Geheimrat, waren Sie denn nicht in Alberoni und haben sich am Spiele des Golfens erbaut? Zumindest hätten Sie die Landschaft beschreiben können, aus der man knapp 200 Jahre später, quasi meerumschlungen, eine stimmungsvolle Golfanlage gezaubert hat.

Doch wenn man Herrn Goethe nach der Bedeutung des Wortes „Golf“ befragt hätte, wäre er wohl nicht um eine Antwort verlegen gewesen: „Nun ich all diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen... im Geiste gegenwärtig habe...“. So kann eben auch ein Herr Goethe irren! Andererseits: welch ein Glück für die zivilisierte Menschheit, daß der Herr Minister nicht Golf gespielt hat. Denn wenn er sich auch, so wie unsereiner heutzutage, so oft und so ausdauernd auf den Golfplätzen herumgetrieben hätte, wo hätte er dann die Zeit und die Muße hernehmen sollen, um all das Erbauende von sich geben zu können, was er an Erbauendem von sich gegeben hat.

Florenz hat er „kaum gesehen“. Heißt das, daß er auch über das Land der Medici, das toscanische Traumland der deutschen Herbstflüchtigen,  „gleichsam hinweg geflogen“ ist? Naja, man muß es sicher akzeptieren, wurde doch der älteste Platz der Gegend, Golf dell´Ugolino, erst ein ganzes Jahrhundert später, nämlich 1889 gegründet.

An dieser Stelle, obwohl wir noch nicht einmal bis Rom, geschweige denn bis zum Vesuv, vorgedrungen sind, sollte ich wohl besser aufhören, mit meinen golfdurchtränkten Auseinandersetzungen mit der goetheschen Reiseroute und den arg kollidierenden Prioritäten einstiger und heutiger Italienreisender! Der Club-Golfer (und auch die Redaktion) werden sich ohnehin stirnrinzelnd fragen, was das Ganze denn wohl mit der Club-Berichterstattung zu tun hat. Eigentlich gar nichts! Aber immerhin, es ist jetzt Winterszeit, da leidet die Motivation, die heimischen Golfgefilde aufzusuchen, doch beträchtlich. Und so darf man schon mal von „Arkadien“ träumen. Aber eben mit anderen Traumbildern, als sie dereinst den großen Italienreisenden umtrieben. Und vielleicht habe ich ja auch den ein oder anderen Anreiz gegeben, es dem Dichterfürsten gleichzutun und gen Süden aufzubrechen.

Zartbesaitete Literatengemüter mögen mir verzeihen, daß ich es selbst bei der Lektüre deutscher Hoch-Klassik nicht vermeiden konnte,  immer wieder mit meinen Gedanken zum Golfspielen abzuschweifen.

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