Rainer Irrlitz
November
Italienreise
Durch diese hohle Gasse...
Expose
Der weiße Falke...
Südgolf
Schottische Impressionen
Impressionen einer Thailandreise
Impressum
Der weiße Falke...

Leseproben:

Der weiße Falke hat kein Handicap

Nun war es also doch passiert!
Befürchtet hatte er das schon des öfteren.
Zugegebenermaßen: der Ball war getoppt. Er flog nicht, wie geplant, erwartet, erhofft in sanftem, hohem Bogen in die Nähe der Fahne. Stattdessen schoss er raketengleich in etwa drei Meter Höhe über Grün und Fahne hinweg in die Richtung des ca. 30 Meter entfernten Clubhauses! Aber dass der Ball auch gleich so weit über das Ziel hinausschießen musste! Normalerweise fangen die Büsche solche misslungenen Bälle alle ab, aber dieser musste eine Lücke im Geäst erwischt haben und hatte sich förmlich durch das dichte, bis zu acht Meter hohe Gestrüpp hindurch geschlängelt. Er konnte es rascheln hören, aber kein rettender Zweig oder Ast stoppte die Bahn des entfliehenden kleinen weißen Balles.
Dabei hatte er sich selbst so sehr erschreckt, dass er vor lauter Überraschung ganz vergessen hatte, „Fore!“ zu rufen. Wenn ihm in dieser Situation etwas sofort peinlich war, dann das!
Einfach versäumt, den unter Golfern üblichen Warnruf „Fore!“ ausgerufen zu haben!
Mitten zwischen die Kaffeerunde auf der Terrasse! Das konnte er zwar wegen des dazwischenstehenden dichten Buschwerks nicht sehen, aber die unüberhörbaren lauten Reaktionen ließen es erahnen.
 

...

Hier habe ich nicht nur ein sicheres Büro, sondern auch einen schönen Ausblick! Weit reicht der Blick über den Creek, der Dubai zugleich zerschneidet und auch verbindet. Hier schlägt das Herz dieses Emirats. Hier werden die Dhows be- und entladen, die Dubai über den Golf und über den Indischen Ozean mit den anderen arabischen Staaten, mit Persien, mit Indien und Pakistan, aber auch mit Ostafrika (diesen Weg hatte er aus Tanzania einst genommen!)  verbinden. Hier lassen sich sicher noch ganz andere Geschäfte machen!
Im Hintergrund, über den Creek und Dubai hinweg, konnte er das Meer sehen. Dort verdiente er kräftig mit! Jeder Kubikmeter gefördertes Erdgas trug zum Verschleiß der hochwertigen und kostspieligen Ausrüstungen bei und schaffte damit neuen Bedarf. Und jede Nachrüstung und jede Reparatur ließ auch bei Hassan die Konten wachsen!
Mitten in seine Zukunftsträume hinein krachte ein ohrenbetäubender Lärm aus seinem Vorzimmer.
Schüsse aus einer Maschinenpistole fielen. Krachend flog die Bürotür auf und sein Leibwächter Belkan schrie „Chef...“, weiter kam er nicht. Blutüberströmt brach der Riese zusammen. Hinter ihm erschien, die Kalaschnikow im Anschlag, mit breitem Grinsen im Gesicht, ein kleiner Malaie.
 

...

So zeigte ihnen der Taxifahrer noch eine andere, wie ein rosa Märchenpalast leuchtende Moschee. Gegen den schlagartig schwarz werdenden Himmel wirkten die Farben dieses Prachtbaues geradezu unwirklich.
Omar Ali Saifuddin Moschee“ verkündete er, nicht ohne Stolz.
„Sie stammt aus dem Jahr 1958 und ist mit ihrer 50 m hohen riesigen goldenen Kuppel die größte Moschee Südost-Asiens!“
Mein Gott, wer soll sich denn diese Namen und Zahlen alle merken!, dachte Tom.
Unbewusst gestand er sich damit seine derzeitige schwache Kondition und mangelnde Konzentration als Folge der Anspannungen der letzten Tage ein. Unter anderen Umständen hätte er von diesen Daten und Fakten nicht genug bekommen können und hätte sie förmlich in sich hineingesogen. Im Moment ist ihm das alles jedoch ziemlich gleichgültig. Mag doch der Sultan heißen, wie er will, mag doch die Moschee heißen, wie sie will, mag doch die ganze Welt heißen, wie sie will!
Was Tom jetzt brauchte, war eine erholsame und ausgiebige Bettruhe!
„Schade, dass wir da nicht mal reinschauen dürfen!“, sagte Dirk. Er hatte offenbar nicht die Probleme, mit denen sich Tom im Moment herumschlug!
„Nein, das geht zur Zeit wegen des Abendgebetes nicht. Sonst hätten Sie mit dem Fahrstuhl in einem der Minarette nach oben fahren können, um einen wunderbaren Blick auf Bandar Seri Begawan und seine Umgebung werfen können!“
Kaum, dass sie den nahen, an einem Nebenarm des Bruneiflusses gelegenen „Open Market“ erreicht hatten, den ihnen ihr selbsternannter Fremdenführer noch unbedingt zeigen wollte, begann sich das Gewitter zu entladen. Der Himmel öffnete seine Schleusen und ließ so unglaubliche Wassermassen auf die in allen Richtungen auseinanderflüchtenden Menschen nieder, dass sie alle, ob nun Standbesitzer oder  Marktbesucher, im Handumdrehen klatschnass waren. Und auch die wenigen Unterstellplätze unter den Plastik-Planen der Marktstände waren kein sicherer Hort, denn bald sackten sie einfach unter der Last des Wassers zusammen und begruben die Marktstände und alle Schutzsuchenden mit einem gewaltigen Wasserschwall unter sich.
Auf den breiteren Wegen zwischen den Stand-Reihen schwoll schnell ein reißender Wasserstrom an und schwemmte alles mit sich fort, was nicht niet- und nagelfest war. Und das war hier kaum Etwas! Bald schwamm alles durcheinander: Bananen, große Zwiebeln, Tomaten, Tüten mit Kokosnuss-Brocken, Plastik-Schüsseln, Plastik-Planen, alle Arten an tropischem Gemüse und Früchten!
Dirk und Tom hatten unter einem der wenigen Bäume, die am Rande des Marktes standen, einen Unterschlupf gefunden, der aber auch nicht vor den Regengüssen schützen konnte.
Plötzlich jagte ein lautes Zischen, unmittelbar gefolgt von einem entsetzlichen Krachen durch die Luft. Die gesamte Markt-Szenerie war für den Bruchteil einer gespenstischen Sekunde taghell erleuchtet.
Ein gewaltiger Blitz hatte in unmittelbarer Nähe eingeschlagen!
Zum Glück nicht in den Baum, unter dem Tom und Dirk standen, sondern drei oder vier Bäume entfernt. Das konnten sie in dem nun entstehenden Chaos nicht ausmachen!
Marktfrauen, Kinder, Hunde, alles, was rennen und schreien konnte, tobte kreuz und quer durcheinander! Alles rannte zu dem Einschlagsort.
Als die beiden Deutschen näher kamen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens...

...

„Hasher ist tot.
Er hat sich der Festnahme entziehen wollen und wurde dabei erschossen.
Die Polizei hat ermittelt, dass er der Mörder Raschids, des Texaners und der beiden Gangster im Hotel gewesen ist.
Kein Mitglied der Familie und keiner der hier Anwesenden wird sich ohne mein Wissen in irgendeiner Form zu den Geschehnissen äußern!
Ab sofort wird jede Verfolgung der Deutschen eingestellt.
Ich werde Ungehorsam nicht dulden!“
Mit einer Deutlichkeit und Entschlossenheit, an der keine Zweifel aufkommen konnten, hämmerte Ahmed auf seine Zuhörer ein. Said, Mohammad und  Dr. Christopher Kelton würden gut daran tun, diese Entschlossenheit in nächster Zeit nicht auf die Probe zu stellen!
Und genau hier begann Said, ein größeres Problem zu bekommen. Er hatte bisher seinem Bruder verschwiegen, dass er seinem Partner in Bangkok einen viel weiter reichenderen Auftrag erteilt hatte, als zunächst abgesprochen. Und Lee würde inzwischen die Gelbe Mafia in Hong Kong eingeschaltet haben. Was denn nun, wenn die Chinesen schnell Erfolg gehabt hätten?
Um die beiden Deutschen wäre es sicher nicht so schlimm, aber Ahmed schien doch sehr entschlossen zu sein! Der brächte es doch glatt fertig, ihm, Said, in seinem Ärger die Mittel für seine kostspielige Falkenzucht zusammenzustreichen. Und das gerade jetzt, wo er auf bestem  Wege war, einer der ganz großen Falkenzüchter in der arabischen Welt zu werden! Das darf nicht geschehen!
Als nächsten Höhepunkt meiner Falkenzucht habe ich schon seit längerer Zeit einen weißen Gyr im Visier! Diesen edelsten aller Falken mit seinem hellgrau-weißem Gefieder und seinen grauen Flügelspitzen. Diesen Wirklichkeit gewordenen Traum der Lüfte!
Ich muss Lee erreichen!
Der muss seinen Cousin zurückbeordern!
Ich will den Gyr haben!
Wie bei einem kleinen Jungen, dem man sein Lieblingsspielzeug wegzunehmen drohte, stampfte er immer und immer wieder diese Sätze in sich hinein!

...

Die Promenade schien ein beliebtes Ausflugsziel der Hong Kong-Chinesen zu sein. Am heutigen Samstag-Abend ging es hier besonders lebhaft zu. Jung und Alt, Groß und Klein tummelten sich in den angenehmen Abend-Temperaturen. An einigen Stellen mit den besten Hintergrund-Perspektiven, hatten sich fliegende Fotografen mit ihren Ständen aufgebaut, die allerdings fluchtartig das Gelände verließen, wenn eine uniformierte Ordnungskraft auftauchte. Kaum hatten diese sich ca. 100 Meter entfernt, bauten die flinken Fotografen ihre Stände bereits wieder auf. Wahrscheinlich war das eine eingespielte Prozedur eines ständigen Katz- und Mausspiels, das alle Beteiligten mit einem gewissen Augenzwinkern und großer Toleranz betrieben.
Dirk drängte Tom, sich von der begeisternden Aussicht zu lösen. Ihm war das hier zu viel Trubel. Das wäre eine gute Gelegenheit für einen unauffälligen Angriff auf sie beide. Und er war sich sicher, dass sich auf dieser lang gestreckten Uferpromenade mit ihren zwei Aussichtsetagen auch der eine oder andere Spitzel einer der vielen Hong Konger Triaden herumtrieb.
„Komm, Tom, der Höhepunkt folgt erst noch, im wahrsten Sinne des Wortes“. Und er entführte den widerstrebenden Tom in das nahe gelegen Sheraton Hotel.
Von der Sky Lounge, der Bar im 18. Stock dieses eleganten Hauses bot sich ein unvergleichlicher Ausblick auf die Skyline von Hong Kong.

„Das ist ja eine phantastische Aussicht. Da hast du wirklich nicht zu viel versprochen!“
„Siehst du, und wir müssen nicht einmal Durst leiden dabei!“ Dirk bestellte schnellstens zwei Bier.
„Was möchten Sie denn gern, meine Herren, Beck´s oder Tsing Tao?“ fragte die flinke Bedienung.
„Da bin ich aber enttäuscht, dass Sie kein Löwenbräu haben“, scherzte Dirk. Aber das Mädchen verstand ihn nicht.
„Zweimal Tsing Tao bitte!“ „Das ist dir doch recht, Tom?“ „Ja, ja!“  Tom blickte gebannt aus dem Fenster und genoss das eindrucksvolle Panorama. Da wollte er sich nicht von so banalen Dingen ablenken lassen. Die Beleuchtung der Bar war in dezentem Dunkel gehalten, so dass es keine störenden Lichtreflexe gab, die den Panorama-Genuss hätten beeinträchtigen können.
Er brauchte dennoch eine Weile, bis er seine Orientierung wieder gefunden hatte, denn durch die seitlich eingebauten, vom Boden bis zur Decke reichenden Spiegel erschienen die markanten Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite, die er schon während ihres Bummels auf der Promenade entdeckt hatte, plötzlich in einer anderen Richtung, ja teilweise sogar in doppelter Ausführung! Eine großartige Idee des Innen-Architekten!
„Hattest du denn schon bestellt?“, fragte er Dirk, als plötzlich zwei Tsing Tao auf dem Tisch standen.
„Na, nun komm mal wieder aus deiner Euphorie in die Gegenwart zurück! Cheers, mein Lieber!“
„Cheers, Dirk!“
.

...

Auf ca. 50 Meter Entfernung schaltete das Grenzboot seinen Scheinwerfer an. Liu winkte freundlich zurück.
„Die werden jetzt bestimmt aufgrund des Boots-Namens bei ihrer vorgesetzten Dienststelle nachfragen, ob wir eine Genehmigung zum Befahren dieses Gebietes haben. Die Antwort möchte ich besser nicht abwarten!“
Das Boot bäumte sich förmlich auf, hob die Spitze in den dunklen Himmel und schoss pfeilartig davon. Sie hörten hinter sich die Sirenen angehen und auch das Grenzboot machte Tempo. Aber im Nu war Liu ihnen auf 500 Meter enteilt und damit auch außer Schussweite ihrer Bordwaffen. Die ersten Schüsse hatten ihr Ziel weit verfehlt. Als sie die imaginäre Grenzlinie bei der kleinen Insel „Tree Island“ schon erreicht hatten, tauchte von backbord voraus erneut ein Schnellboot auf und versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden, so dass Liu einen großen Bogen schlagen musste, um ihm zunächst auszuweichen. Aber dieses Boot war schneller und rückte immer näher. Sie waren längst auf Hong Konger Gebiet, aber darauf nahmen die Verfolger offensichtlich wenig Rücksicht. Steuerbord hatten sie gerade den neuen internationalen Flughafen passiert, als das Boot hinter ihnen das Feuer eröffnete. Liu hielt unbeirrt seinen Kurs. Noch bestand keine Gefahr. Als sie schon die Lichter von Tuen Mun erkennen konnten, schlug die erste Garbe in die untere Rückwand ein und nach weiteren 100 Metern war der Motor getroffen, was an dem heftigen Stottern und der ruckartigen Verlangsamung ihrer Fahrtgeschwindigkeit deutlich zu spüren war.
Dirk hatte immer noch unter Deck ausgeharrt. „Hier unten sitzt du in der Falle!“ dachte er sich. Als er gerade die oberste Stufe der Leiter nach draußen passiert hatte, spürte er eine heftige Explosion, die ihn von den Beinen riss, ihn durch die Luft wirbelte und in ca. 20 Metern Entfernung ins Wasser klatschen ließ.
Obwohl er von der gewaltigen Druckwelle noch wie benommen war, begann er instinktiv in Richtung der Lichter am Ufer zu schwimmen.
Nach 50 Metern drehte er sich erstmals um und blickte in ein großes schwarzes Nichts. Lius Boot war nach der Explosion sofort gesunken und die Grenzer, von ihrem Erfolg überzeugt, waren abgedreht. Sie machten sich nicht die Mühe, die Wasseroberfläche nach Opfern oder wichtigen Gegenständen abzuleuchten. Sie hatten ja hier auch nichts verloren! Das war wohl der Grund dafür, dass sie so schnell wieder verschwunden waren!
„Liiuu!“
„Liiuu!“
„Liiuu!“
Dirk schrie verzweifelt gegen die mäßig bewegte See an, aber er erhielt keine Antwort. Der tapfere Chinese, der ihm das Leben gerettet hatte, ist nun selbst zum Opfer geworden.
Eine unmittelbare tiefe Traurigkeit und ohnmächtige Hilflosigkeit befiehl ihn, während er langsam weiter zum hell erleuchteten Ufer schwamm.
Von Land her kam ihm ein Fischerboot entgegen.
Zwei kräftige Arme packten ihn und zogen ihn ins Boot. Seltsamerweise fuhren sie mit ihm ein wenig seitlich zu einer dunkleren Stelle, an der zwei einzelne kleine Häuschen standen. Die Leute hier waren es gewohnt, dass öfter mal Flüchtlinge – mehr oder weniger erfolgreich – versuchten, an Land zu kommen. Sie fragten nicht viel, auch als sie bemerkten, dass sie da einen Engländer aus dem Wasser gefischt hatten. Zumindest nahmen sie wohl an, dass das ein Engländer da vor ihnen war, der völlig erschöpft an Land kroch.
 

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